Inhalte

Die Jungschar ist eine inhaltliche Idee. Vor allen Formen kommt das Wollen: eine katholische Kinderorganisation, zeitgemäß und ansprechend für Kinder wie auch Jugendliche, die als LeiterInnen in der Jungschar tätig sind. Neben diesen gibt es aber noch mehr Gruppen, vor deren Ansprüchen Jungschar zu bestehen hatte und weiterhin hat: Die Bischöfe und die Bischofskonferenz, die österreichische Parteipolitik, die Wünsche und Anforderungen der Ministerialbürokratie, die Eltern, die schließlich ihre Kinder in die Jungschar gehen lassen oder manchmal auch schicken sollten. Weiters hat sich die Jungschar vor der pfarrlichen Öffentlichkeit (Pfarrer, Kapläne, PfarrgemeinderätInnen ...) zu rechtfertigen. Und sie wünschte immer wieder, in der veröffentlichten Meinung, in den Zeitungen, dem Rundfunk Gehör zu finden. Zwischen all diesen Ansprüchen und Interessen entwickelte und veränderte sich das inhaltliche Profil der Jungschar, das eine Mal mehr, das andere Mal weniger von außen beeinflusst. Im luftleeren Raum fand sie jedenfalls nie statt.

In diesem Bereich sind Querschnittsdarstellungen zu einer Reihe von zentralen Themen der Jungscharentwicklung zu finden. Damit soll eine diachrone Wahrnehmung der Entwicklung der Jungschar aus inhaltlicher Sicht möglich werden, die nicht nur das zeitliche Hintereinander sieht, sondern die inhaltlichen Querverbindungen betont. Die Entwicklung der Jungschar in inhaltlicher Hinsicht lässt sich nicht allen am Wechsel von Personen oder den Titeln der Publikationen ablesen.

Jungschargeschichte als Geschichte der pädagogischen Ideen

Jungschargeschichte kann als Geschichte pädagogischer Ideen erzählt werden. Beinahe jede der zahlreichen Selbstdarstellungen von Jungschargeschichte zentriert ihre Perspektiven um pädagogische Begriffe wie Gruppe, Spielkultur und Koedukation. Betont wird gerade auch das Moment der Kontinuität in der pädagogischen Entwicklung. Dadurch wird nicht nur suggeriert, dass Jungschar immer schon eine Art pädagogische Avantgarde dargestellt hat, sondern auch zum Ausdruck gebracht, dass auf die Jungschar eben Verlass ist und sie niemals zum Gegenstand von (möglicherweise unverantwortlichen) historischen Wechselfällen geworden ist. Gleichzeitig wird durch eine solche Darstellungsweise verdeckt, dass viele Neuerungen in der Jungschar einfach nicht durchsetzbar waren. Als Kehrseite der Kontinuität kann ja der Konservativismus betrachtet werden, der als Damoklesschwert stets über innovatorischen Bemühungen, die aus dem Geist der Kontinuität geboren werden, schwebt.

Die pädagogische Historiographie der Jungschar betont allerdings nicht nur die Kontinuität, sondern auch den Wandel und die Brüche. Der Rezeption der Ideen der emanzipatorischen Pädagogik im Gefolge der 1968er Bewegung wird hier besondere Bedeutung zugesprochen. Sie bewirkte nicht nur die Einführung und allmähliche Durchsetzung der Koedukation, sondern auch die Verbreitung einer kooperationsbetonten Spielkultur.

Jungscharpädagogik vor erziehungswissenschaftlichen Ansprüchen

Eine andere mögliche Herangehensweise wäre weiters, die pädagogische Theorie und Praxis der Jungschar im Hinblick auf die diversen Theoriegebäude der wissenschaftlichen Pädagogik zu formulieren. Speziell in ihrer Frühzeit schwebte die Jungschar-Pädagogik in der Gefahr, zu einer normativen Pädagogik zu werden und etwa als "Erziehung zur Kirchlichkeit" sich für nicht-pädagogische Ziele, die vom religiös-konfessionellen normativen Bezugssystem vorgegeben wurden, in den Dienst nehmen zu lassen. Gerne wird vergessen, dass die Reformpädagogik der Zwischenkriegszeit, auf die wesentliche Ideen der Jungscharpädagogik zurückgehen, nicht nur dem linken Lager nahe stand, sondern auch Teil der rechten Bewegung war. Viele pädagogische Reformgruppen hatten wenig Anpassungsleistung aufzubringen, um sich in den Dienst des Nationalsozialismus zu stellen. "Ganzheitlichkeit" kann, und dieser Gedanke ist für engagierten Vertreter/innen einer "kritischen" Ganzheitlichkeit nicht unbedingt angenehm, auch ein Ruf nach Totalitarismus sein; auch totalitäre Regimes haben mit Hilfe einer "ganzheitlichen Pädagogik" die Zöglinge auf die jeweils gewünschte Brauchbarkeit vorbereitet und zugerichtet.

Pädagogische Konjunkturen

Der weitgehend ablehnenden Haltung gegenüber der empirisch-behavioristischen Lerntheorie stand in den 1970ern die Auseinandersetzung mit kritisch-emanzipatorischer Pädagogik und mit gruppendynamischer Literatur, in den späten 1980er Jahren die intensive Rezeption von psychoanalytischer Pädagogik gegenüber. Eine pädagogische Grundreflexion, wie sie die transzendentalphilosophische Pädagogik einfordert, wurde wohl nicht in allen Entwicklungsphasen der Jungscharpädagogik betrieben. Der langjährige Pädagogik-Professor der Universität Wien Marian Heitger, Promotor dieser pädagogischen Richtung, hätte der Jungschar phasenweise wohl nicht zu Unrecht vorgeworfen, die Frage nach dem Sollen nicht zu beantworten. Dem kann entgegengehalten werden, dass die Werteerziehung wiederholt betont und diskutiert wurde. Der fatale Spagat liegt allerdings in dem janusköpfigen Angesicht der Werte, die in einem unbeaufsichtigten Moment rasch zu Normen umfunktioniert werden. Das transzendentalphilosophische Prinzip wird dann zur ideologischen Norm. In der Praxis und an der Basis wird dies mit der Idee der "Gemeinschaft" über die Jahrzehnte hinweg eindrücklich demonstriert. Gerade auch die Spannung zwischen pädagogischer Lehre und ihrer Rezeption durch die Gruppenleiter/innen wurde selten befriedigend gelöst und hat aus guten Gründen dazu geführt, mehr Energie in die Frage der rechten Vermittlung als in pädagogische Grundsatzreflexionen zu investieren.

Die Frage nach der Jungschar-Pädagogik

Jungschar besteht aus pädagogischer Praxis, zu einem Teil auch aus pädagogischer Lehre, eher wenig aber aus pädagogischer Theorie. Eine "Jungscharpädagogik" kann eigentlich nur eine spezifische Methodik der Kindergruppenarbeit sein, die sich vor dem Hintergrund ausgewählter pädagogischer Theorien ausbreitet. Vergleichbar kennt auch die Dreikönigsaktion keine entwicklungspolitische Theorie, sondern nur Entwicklungspraxis vor dem Hintergrund jeweils zeitgemäßer Entwicklungstheorien. Die pädagogische Lehre der Jungschar ist eigentlich nie sonderlich ungewöhnlich gewesen, vielmehr war sie stets durchaus konsensfähig und stand in Einklang mit einem Teil der universitären Pädagogik. Dies hinderte konservative Kreise innerhalb der römisch-katholischen Kirche aber nicht daran, die Jungscharpädagogik als ungewöhnlich und abweichlerisch zu kritisieren und abzulehnen. Mehr als jede pädagogische Theorie oder Methodik wirkten stets wohl die spezifischen Rahmenbedingungen der Jungschar, nämlich die Freiwilligkeit der Zusammenkunft der Kinder bzw. die Arbeit von gleichgesinnten Gruppenleiter/innen und Diözesanleitungsmitgliedern, die ausgiebig die Freiheiten des außerschulischen Rahmens auszuschöpfen wussten.

 

Themen

Über die Geschichte der Katholischen Jungschar gäbe es viel zu schreiben. Diese 12 Themen hier stellen aus Sicht des Autors dieser Website (Gerald Faschingeder) relevante Brennpunkte des Jungschargeschehens dar. Leider ist es bislang nur gelungen, zu drei dieser Themen Texte zu verfassen.

Die anderen Themen könnten als Vorschläge für Fachbereichs-, Diplom- oder Bacchelor-/Masterarbeiten betrachtet werden. Das Archiv des KJWÖ bietet dazu mehr als genug Quellenmaterial, das der Auswertung harrt. Wie wär's damit?

  1. Jungschargeschichte - theoretische und methodische Herausforderungen sowie Versuche aus sechs Jahrzehnten
  2. Die Wurzeln. Zur Vorgeschichte der Katholischen Jungschar.
  3. Kinderpastoral als religiös-theologisches Konzept. Gebet, Glaube, Ritus.
  4. Spielpädagogik
  5. Sport & Bewegung
  6. Liedgut und Gesangspraxis. Von Abgrenzungsproblemen zu Verkümmerungstendenzen
  7. Medien & Medienpädagogik. Vom Kampf gegen Schmutz und Schund zum Behelf "Bewegte Bilder"
  8. Sternsingeraktion und Dreikönigsaktion als Hilfswerk: Mission und Entwicklungspolitik in der Jungschar
  9. Das Bild vom Fremden: Von WAKAIUK bis zum "Überleben der Indios". Rassismus und Antirassismus in der KJSÖ.
  10. Geschlechtssensible Pädagogik
  11. Ministranten und später Ministrantinnen - Herausforderungen auf einem besonderen Parkett
  12. Das Feld der Politik: Anwaltschaft und kinderpolitische Forderungen.
    Vom rot-weiß-roten Patriotismus zu den Forderungskatalogen an die Bundesregierung