Jungschargeschichte - theoretische und methodische Herausforderungen sowie Versuche aus sechs Jahrzehnten

Es ist wohl kein Zufall, dass das Wort Geschichte ein doppeldeutiges ist. Zum einen bezeichnet es jene Wissenschaft, die sich mit der Vergangenheit beschäftigt (Geschichte als Geschichtswissenschaft), weiters auch die Ergebnissen dieser Forschungen (z.B. die "Geschichte des Hauses Habsburg"), zum anderen wird damit aber auch das Ergebnis des Erzählens bezeichnet ("eine Geschichte erzählen"). Auch im Englischen ("History" enthält "story") und Französischen ("histoire") finden wir diese Mehrdeutigkeit. Dies macht darauf aufmerksam, dass die wissenschaftliche Erforschung des Vergangen immer auch mit der Narratio, dem Erzählen dieser Geschichte zu tun hat.

Eine Geschichte der Jungschar zu erarbeiten bedeutet eben auch, sie zu erzählen. Bei erzählten Geschichten ist aber bewusst, welche Rolle die Person des Erzählers oder der Erzählerin spielt, welche Bedeutung dem Erzählkontext zukommt, und welchen Einfluss auch das Publikum auf die Genese der Geschichte ausübt. Dies gilt naturgemäß auch für Jungschargeschichtsschreibung.

Geschichte von oben, Geschichte von unten

Der prägende Kontext der Geschichtsschreibung formt so auch den Inhalt der geschichtlichen Darstellungen. In der Vergangenheit war es sehr häufig so, dass die offizielle Geschichte eines Landes die Geschichte ihrer HerrscherInnen bzw. der dominierenden Gruppe des Landes war. Geschichte wurde und wird von Herrschenden instrumentalisiert, etwa um ihren historischen Anspruch auf Herrschaft zu unterstreichen. Minderheiten werden häufig abgewertet, als fremd oder als später hinzugekommen dargestellt. Wer die Schreibfeder in der Hand hatte, tendierte dazu, Geschichte aus der eigenen Perspektive zu schreiben. Da in der Geschichte eher wohlhabende, gebildete und männliche Personen des Lesens und Schreibens kundig waren, stellt sich Geschichte oft als Geschichte der wohlhabenden und gebildeten Männer dar. Oft sind diese Männer dann jene, die den HerrscherInnen nahestehen und damit Herrschaftsgeschichte produzieren, eine "Geschichte von oben".

Kritisch formuliert: Einer Geschichte von oben ist auch eine Geschichte von unten gegenüber zu stellen. Wie haben BettlerInnen, wie Mägde und Knechte, wie haben Kinder Geschichte erlebt? Wie hat ihr Alltag ausgesehen, abseits der großen Schlachten und der Heiratspolitik der Großen Leute?

Damit hängt auch zusammen, dass Geschichtsschreibung mehr die Perspektive von Männern wiedergibt als jene von Frauen. Im Englischen wird daher in Frage gestellt, ob es nur um "his-story" gehe oder auch um "her-story". Diese Website zur Geschichte der KJSÖ versucht daher immer wieder zu fragen: Wie haben Frauen, wie haben Mädchen das gesehen? Frauen sind nicht einfach nur Objekte der Geschichte, passiv den Wechselfällen der Schicksals ausgesetzt, sondern selbst als Gestalterinnen von Geschichte tätig. Die Jungschargeschichte erleichtert möglicherweise die Wahrnehmung von Frauen, da es bis 1969 getrennte Organisationen für "Mädel" und "Buben" gab und mit der Gründerin Willy Lussnigg eine Frau am Beginn der Jungschargeschichte steht.

Eine weitere Verzerrung berührt Geschichtsschreibung, wenn die Quellen nur sehr eingeschränkt zugänglich sind. HistorikerInnen können dann auch nicht anders, als darüber zu schreiben, was sie in der Hand haben. Das Erschließen neuer Quellen ist aber ein mitunter mühsamer Prozess, der aber wichtig ist, um zu breiteren Anschauungen zu gelangen.

ZeitzeugInnen als lebendige Quellen

Ähnlich verhält es sich mit der Frage der ZeitzeugInnen. Ohne Frage ist es sehr hilfreich und wichtig, ZeitzeugInnen zu ihren Erinnerungen zu befragen. Gleichzeitig gilt auch hier, dass die Wahl der ZeitzeugInnen eine Auswahl darstellt. Es können nur mehr die sprechen, die leben; es wollen aber mitunter nicht alle sprechen, die es könnten. Viele Menschen werden in der Jungschar auch unangenehme oder leidvolle Erfahrungen gemacht haben. Was würden jene erzählen, die bei einer Bubenolympiade verloren haben? Was sagen jene, die bei einer Vorsitzenden-Wahl zuwenig Stimmen bekommen haben? Was ist mit jenen, die köperliche, psychische oder sexuelle Gewalt in der Jungschar erfahren haben? Aus der Perspektive eines 60-Jahre-Jubiläums sind dies nicht jene Erfahrungen, nach denen als erstes gefragt wird. Es ist auch sehr schwierig, solche Perspektiven einzubeziehen. Die VerlierInnen, die Gedemütigten, die Ausgeschlossenen berichten nicht in Werkbriefen und halten keine Festvorträge. Sie schwinden so aus der kollektiven Erinnerung. Es sei hier an sie erinnert.

Ein zweites Problem der ZeitzeugInnen als Quelle: Auch ZeitzeugInnen berichten in eine Gegenwart hinein. Geschichte ist ja nie das, "was wirklich einmal war", wie es der Historiker Leopold von Ranke im 19. Jahrhundert formulierte. Geschichtsschreibung wendet sich an ein gegenwärtiges Publikum und bezieht auch etwas von jenem Wissen mit ein, das in der Zeit, seit ein historisches Ereignis vorgefallen ist, zugänglich wurde. Wenn ZeitzeugInnen 2007 über ihre ersten Jahre in der Jungschar in den 1950er Jahren erzählen, dann hatten sie seither gut 50 Jahre Zeit, ihr Bild von damals weiterzuentwickeln. Manches wird verklärt, anderes strenger gesehen als damals. Bestimmte Aspekte werden hervorgehoben, andere hingegen verdrängt. Mitunter wird die Kontinuität - auch aus Höflichkeit oder Loyalität zu den aktuelle Aktiven, manchmal auch aus später Scham - stärker betont als die Brüche. Andere wieder nutzen des späte Erzählen, um sich selbst zu rechtfertigen und das Aktuelle zu kritisieren.

Dazu kommt die Rolle des Vergessens: Irrtümer in der Chronologie wie auch das schlichte Vergessen bestimmter Personen oder Ereignisse sind normal. Die Geschichtswissenschaf weiß sogar von Fällen, wo Menschen davon berichten, bei Ereignissen dabei gewesen zu sein, die sie nur aus dem Kino oder dem Fernsehen kannten. Speziell manche kriegerische Ereignisse oder Großveranstaltungen haben so eine starke Ausstrahlung, dass sie auch jene in Bann ziehen können, die sie nur vom Hören-Sagen kennen. Solche mögliche Fehlerquellen können nur durch einen guten Vergleich der unterschiedlichen ZeitzeugInnenberichten oder mit schriftlichen Quellen etwas ausgeglichen werden.

Was hier zugänglich ist

Die Texte, die am Seitenende hier angeboten werden, sind Geschichtsdarstellungen der Jungschar, auf die all das oben Gesagte zutrifft. Sie stellen ebenso Quellen der Jungschargeschichte wie auch llustrationen der Problematik der Geschichtsschreibung dar. Der Erkenntniswert dieser Texte liegt vor allem in ihrer Vielfalt, in ihrer Vielstimmigkeit: Geschichte wird hier zum polyphonen Konzert. Die einzelnen Erzählungen relativieren und bestätigen einander gleichzeitig.

1957_Jungscharmappe-10_Jahre_KJSOe.PDF (Dateigröße: 2.04 MB)
1967_20_Jahre_KJSOE.PDF (Dateigröße: 293 KB)
1977_30_Jahre_KJSOE.pdf (Dateigröße: 533 KB)
1982_35_Jahre_KJWOE_Texte_Lussnigg_Schneider-Schwarzbauer.pdf (Dateigröße: 608 KB)
1982_Hans_Stary_Geschichte_der_Jungschar_Reader_zu_25_Jahre_KJSOe.PDF (Dateigröße: 604 KB)
1996_Gerald_Faschingeder_50_Jahre_Sauerteig_50_Jahre_KJWOE.PDF (Dateigröße: 255 KB)
1997_Christian_Klein_50 Jahre_KJSOe_Eine_Idee_und_ihre_Entwicklung.PDF (Dateigröße: 455 KB)