Jahresthema-Behelfe

Die Idee

Große Organisationen folgen großen Ideen, zumindest ihrem Selbstbild nach. Die gemeinsame Arbeit zu einem gemeinsamen Thema ist eine von mehreren Möglichkeiten für eine Organisation, eine gemeinsame Identität zu entwickeln und abzusichern. In den unmittelbaren Jahren der Nachkriegszeit waren den Menschen noch die zahlreichen Parolen präsent, mit denen sie in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft konfrontiert wurden - rassistische Parolen, Kriegsbegeisterungsparolen, Durchhaltenparolen, also ideologische Aussagen, die stets sehr eindeutige Mitmachapelle formulierten oder eher dekretierten.

Parolen spielten aber auch in den politischen Auseinandersetzungen der Zwischenkriegszeit eine wichtige Rolle und auch die Katholische Kirche setzte auf unterschiedliche Parolen, um ihre AnhängerInnen zu mobilisieren. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte die Katholische Kirche das Volk als soziologische Größe entdeckt. Den Bischöfen und Priestern war deutlich geworden, dass man die Menschen nicht mehr länger von oben herab befehligen konnte, wie man das in der Zeit des Feudalismus gewohnt war. Auch die Kirche war auf die Zustimmung der Massen angewiesen. Mit dem Aufstieg der Arbeiterbewegung und deren atheisierender Weltanschauung stand den Menschen ein alternatives Weltbild zu Verfügung, zu dem man sich in Abgrenzung zum überkommenen katholischen Weltbild bekennen konnte. Tatsächlich ging es der Katholischen Kirche wie auch den politischen Parteien nicht so sehr um die Überzeugung einzelner, sondern um eine Massenzustimmung, die in Massenveranstaltungen sichtbar wurde. Die Jahrzehnte von 1870 bis 1970 können auch als Zeitalter der Massenmobilisierung verstanden werden. Dies war nicht nur die Zeit großer Parteiaufmärsche, sondern auch der großen Katholikentage. Die Katholische Jugend veranstaltete in diesem Sinne "Bekenntnistage", bei denen die jungen KatholikInnen aufgerufen waren, möglichst massenhaft, allein schon durch ihre bloße Anwesenheit, ihren Glauben zu bekennen. Auch wenn Glaube bereits als etwas Inneres verstanden wurde, so galt Katholischsein noch nicht als intim-persönliche Angelegenheit, sondern als ein sozialer Tatbestand.

Vor diesem Hintergrund ist das Entstehen der Jahresthemen zu verstehen. Sie ermöglichten der Katholischen Jugend wie der Katholischen Jungschar, durch die kollektive Beschäftigung mit einem Thema zu einem kollektiven Ausdruck ihrer selbst zu gelangen und erfüllten damit eine Identitätsfunktion. Gleichzeitig stellten Jahresthemen auch Erziehungsprogramme von oben dar, durch die die jeweiligen Führungen den Mitgliedern vermittelten, was wichtig sei und was zu tun wäre. Jahresthemen sollten insofern als kommunikativer Prozess verstanden werden. Zu den Funktionen im Hinblick auf Identität und Kommunikation tritt noch die aktivierende Rolle, die Aktivierung und Mobilisierung der Mitglieder.

Die Krise der Jahresthemen in den 1990er Jahren bestand darin, dass die Jahresthemen diese drei Funktionen nur mehr sehr kursorisch erfüllten: Kaum jemand identifizierte sich damit, kommuniziert wurde zunehmend nur mehr auf Ebene der FunktionärInnen und aktivierend waren die Jahresthemen dann auch nur mehr rudimentär. Eine Epoche war zu Ende gegangen.

Phasen der Jahresthemen

Im Sinne dieses Anspruchs auf Massenmobilisierung sind die Jahresthemen der ersten Generation zu verstehen. Die konkrete Ausrichtung der Jahresthemen wandelte sich im Zuge der Jahrzehnte. Betrachtet man die gewählten Themen, die Identität stiften und Massen mobilisieren sollten, so lassen sich sehr gut unterschiedliche Phasen der Orientierung der Jahresthemen unterscheiden.

Vorweg ist aber anzumerken, dass die Jahresthemen in den Jahren bis in die 1960er Jahre als gemeinsame Themen des Katholischen Jugendwerkes bestimmt wurden. Dies bedeutet, dass für die Katholische Jugend und die Katholische Jungschar die selben Themen galten, zum Teil auch nur ein gemeinsamer Behelf erschien. Erst mit einem erstarkten Selbstbewusstsein der Jungschar werden Themen gewählt, die explizit Kinder in das Zentrum der Überlegungen stellen.

Patriotische Parolen

Eine erste Generation von Jahresthemen lässt eine stark patriotische Ausrichtung erkennen. Mit ihnen wurde "die Jugend" aufgerufen, ihren Beitrag zum Aufbau des neu erstandenen Österreichs zu leisten. "In der Liebe zu Österreich soll uns niemand übertreffen" (1953/54) war wohl der pointierteste Ausdruck dieser Orientierung. Ein Auszug aus der Zeitschrift "Der Stephanus" verdeutlicht dies:
"Jugendführer, Jugendführerin, hier ist die entscheidende Frage an dich: Wie steht es mit deiner Liebe zu Österreich? Ist dir selber Österreich ein leuchtendes Ideal? Von der Antwort auf diese Frage hängt der Erfolg des Jahresthemas ab! Liebe kann man in einem anderen nur wecken, wenn man sie selber hat. Nicht nur, was du über Österreich zu sagen hast, sondern viel mehr noch, wie du es sagst, gibt den Ausschlag. So fängt die große Aufgabe der Jahresparole bei dir selber an" (Stephanus, DOK Z 3/307, 1953/54; zitiert nach Dokumentation Nr. 51, Sept. 2003, S.8).

Aber auch die ältere Formulierung "Reine Jugend - Starkes Volk" (1949/50) appellierte an die jungen Menschen, ihre historische Rolle für die Nationswerdung Österreichs zu erkennen. Nach den sieben Jahren der NS-Herrschaft in Österreich erschien dies den Verantwortlichen wohl auch deshalb notwendig, weil das Land als besetzt galt und Verhandlungen zum Abschluss des Staatsvertrages führte. "Heimat - Erbe der Väter, Verpflichtung der Jugend" (1952/53) vermittelte ebenso unmissverständlich, worauf es ankommt. Der Begriff "Volk", der der NS-Herrschaft ideologisch zugrunde gelegt worden war, sollte mit einem neuen, positiven und österreich-patriotischen Sinn gefüllt werden: "Deine Arbeit - Auftrag Gottes, Dienst am Volk". Alle Kräfte waren zum Aufbau des neuen Österreich aufgerufen.

LINK: Weitere Textauszüge zu den Jahresthemen der ersten Generation finden sich in der Dokumentation Nr. 51, Sept. 2003.

Christus ist unser König

Mitte der 1950er Jahre bewegte man sich aber von dieser patriotischen Ausrichtung weg und wählte nun Themen, die Christus in die Mitte stellen. Der Staatsvertrag war 1955 unterzeichnet worden. Die Notwendigkeit, die österreichische Identität in Abgrenzung zu den Alliierten zu artikulieren, die als fremde Besatzungsmächte empfunden wurden, schwand damit. Es waren nun sehr christliche, durchwegs missionarische Themen, die gewählt werden: "Welche Fülle der Herrlichkeit - Christus ist in euch" (1954/55), "Lasst die Welt erkennen, dass wir Christi Kirche sind" (1955/56), "Christi Reich zu allen Völkern" (1956/57) und "Weltkirche - Weltmission" (1957/58).

Die Hinwendung zur kindlichen Lebenswelt

Mit Beginn der 1960er Jahre werden erstmals lebensweltliche Themen der Kinder und Jugendlichen angesprochen: "Freizeit - Quelle der Freude" wurde für gleich zwei Arbeitsjahre (1959/60 und 1960/61) als Leitthema auserkoren. Es folgte die normative Formulierung "Ein JS-Bub/-Mädchen kann sich beherrschen" (1961/62), ehe die Frage gestellt wurde "Wo sind die anderen?" (1962/63). Die nächsten drei Themen stellten Kinder in das Zentrum: "Das Kind und die Heilige Schrift" (1963/64), "Das Kind in seiner Heimatgemeinde" (1964/65) und "Das Buch in der Welt des Kindes" (1965/66) regten zur pädagogischen Auseinandersetzung mit Fragen des Lebens an. Die weiteren Jahre blieben im Prinzip bei dieser Linien, allerdings wurden zwei Jahre eingeschoben, in denen die Jahresthemen der Katholischen Aktion übernommen wurden (1966/67 und 1967/68). Es folgen Themen zu Natur und Familie.

Bemerkenswert sind zwei Themen, die auf einen Buchstaben reduziert kommuniziert werden: "Mit Formel F" (1971/72) und "C 1" (1974/75). Die "Formel F" bezog sich auch die Adjektive "fit" und "fair"; es ging um Persönlichkeitsbildung durch Sport. Die Formel 1-Autorennen gewannen damals eine hohe Aufmerksamkeit. Zwar gewann der Österreicher Niki Lauda erst 1975 und 1977 die Formel 1-Weltmeisterschaften, doch die Faszination war das ganze Jahrzehnt hindurch groß. Man erkennt in einem solchen Thema auch die Handschrift der Bubenjungschar.

"C 1" war eine zweite Variante auf das Formel 1-Faszinosum. Diesmal wurde aber propagiert, dass der Glaube, "Credo", das größte sei. Man setzte also auf den populären Sport, um ein Glaubensthema zu transportieren. Jahresthemen waren, solange es sie gab, immer auch kommunikative Leistungen.

Soziales, Kreatives und Religiöses

In einer nächsten Phase gelangte das soziale Lernen in den Mittelpunkt des Interesses. Man könnte den Beginn dazu freilich auch bereits beim Thema "Alle Welt ist unser Nachbar" 1970/71 ansetzen, der sich 1972/73 im "Füreinander" fortsetzte. Die Themen der 1970er Jahre lauteten "Leben mit anderen" (1975/76), "Ich hier - wer dort?" (1977/78) oder "Ich und meine Familie" (1982/83). In solchen Themen drückte sich die pädagogische Wende aus, die nicht nur in der Jungschar in den 15 Jahren nach 1968 zu spüren war. Man distanzierte sich von normativ-direktiven Appellen, Parolen waren nun tabu. Stattdessen setzte man nun auf Gruppendynamik, Demokratie, neue Zugänge zu Entwicklungspsychologie und Kommunikation.

Dem entsprach auch die Verschiebung in der religiösen Begrifflichkeit von "Christus" zu "Jesus". 1979/80 war die Jungschar "Unterwegs mit Jesus". 1973 hatte die Jungschar ein neues Jungscharzeichen eingeführt, das "Jesus" in die Mitte des Kreises stellte und nicht mehr "Christus" auf die Krone setzte.

Ab Mitte der 1980er Jahre galt die Regel, dass soziale, kreative und religiöse Themen einander abwechseln sollten. In einer solchen Triade folgten einander beispielsweise "Tatort Korinth" (1986/87), "Spielen" (1987/88) und "Fair streiten lernen" (1988/89). Den AutorInnen der Jahresthemabehelfe war es wichtig, dass auch religiöse Themen lebensweltlich, also mit pädagogischer Perspektive angegangen wurden. Religion und Leben sollten stärker integriert werden. Beim Jahresthema "Tatort Korinth" (1986/87) ging es dann auch keineswegs um eine Frömmigkeitserziehung, sondern darum, das Leben in der antiken christlichen Gemeinde in Korinth inklusive aller Richtungsstreitigkeiten und Konflikte, kennenzulernen. Ähnlich verhielt es sich mit dem "Erbe des Markus", das 1992/93 im Behelf zum Jahresthema auf fast detektivische Art und Weise erforscht wurde.

Jahresthemen in der Postmoderne

Inhaltlich macht es wenig Sinn, die Themen der 1990er Jahre von jenen der 1980er Jahre abzugrenzen. Mit der pädagogischen Wende der 1970er Jahre war sich die Jungschar ihrer pädagogischen Linie sicher geworden. Freilich entwickelte sich der Stil der Behelfe weiter, methodisch wurde immer wieder Neuland betreten. Stets galt es aber, Themen aufzubereiten, die für Kinder im Alltag von Bedeutung sind. Beobachten lässt sich allerdings ein stiller Wandel von stärker wertevermittelnden Ansätze und Methoden hin zu solchen, denen es um die möglichst wertfreie Prüfung bestimmter Realitäten ging.

Dies ist wohl auch eine der Sollbruchstelle der Idee Jahresthema an sich: Ein Jahresthema macht Sinn, wenn es darum geht, bestimmte Werte als zentral und identitätsstiftend zu kommunizieren und zu zelebrieren. Je stärker die Kritik an Werten an sich wird, desto schwieriger wird dieses Unterfangen. Es bleibt der Aufruf, sich mit der Welt und ihren Themen zu beschäftigen, aber ohne bestimmte Ausrichtung fehlte dem in der Praxis die Energie. Die 1990er Jahre führten die Jungschar in die pädagogische Postmoderne, in der es wichtiger wurde, die Vielfalt der Welt kennenzulernen als eine bestimmte Position in ihr einzunehmen. Dies bedeutete keinesfalls eine vollständige Absage an Wertevermittlung, aber doch eine qualitative Veränderung. So lenkte man 1996/97 erstmals im Rahmen eines Jahresthemas die Aufmerksamkeit auf ein Entwicklungsland: "Dasiba - Guten Morgen Afrika!" zitierte eine Begrüßungsformel aus der Dagbanli-Sprache, die im Norden Ghanas gesprochen wurde und setzte sich zum Ziel, Kindern eine positive und möglichst vielfältige Perspektive auf Afrika zu vermitteln.

Zuletzt: Die Frage nach dem Wesen des Menschen

Das letzte Jahresthema war wohl eines der intellektuellsten und drückte wie kaum ein anderes die aktuelle Befindlichkeit der Menschen aus: "Mensch, bist du einzigartig!?" stellte 1998/99 die Frage nach der menschlichen Identität. Ein Ausgangspunkt der Überlegungen war das erstmalige erfolgreiche Klonen eines Schafes ("Dolly"). Das menschliche Sein schien sich zu relativieren. Die Grundfragen nach der menschlichen Identität wurde im Behelf auf kindgemäße Art und Weise aufbereitet. Es ist aber bezeichnend, dass am Ende der fünfzigjährigen Geschichte der Jahresthemen die Frage nach der Identität des Menschen steht. Nach einer solchen Frage bleibt nicht mehr viel zu sagen. Man hätte das Gegenteil vermutet.

Das Ende der Jahresthemen

Ende der 1990er Jahre endete die mittlerweile 50jährige Geschichte der Jahresthemen. Vorangegangen war dem eine Evaluierung der Maßnahme Jahresthema. Diese fand als Selbstevaluierung im Rahmen einer Studie zur Erarbeitung von Modellen der Selbstevaluierung in der verbandlichen Kinder- und Jugendarbeit statt. Diese wiederum war im Zusammenhang mit der Erstellung des 3. Jugendberichtes des Bundes seitens des Bundesministeriums für Umwelt, Jugend und Familie in Auftrag gegeben worden. Man sieht also, der Hintergrund geht weit über die KJSÖ als solche hinaus. Die Idee, Evaluierung in der verbandlichen Arbeit einzusetzen, war damals neu und erregte das Interesse der Verantwortlichen. Daran zeichnete sich eine Veränderung des sozialen Milieus der Jugendarbeit ab: Zunehmend wurden Methoden aus dem Profitsektor, aus der Beratung von gewinnorientierten Unternehmen auch im sozialen Bereich wie der Kinder- und Jugendarbeit rezipiert.

Die Evaluierung fand über das Jahr 1998 statt; ihre Kernpunkte bildeten ein begleitendes Projektteam, drei Fragebogenuntersuchungen und eine abschließende Zukunftswerkstatt. Ein Fragebogen wurde an "Jahresthema-aktive" GruppenleiterInnen versandt, ein Fragebogen an "Jahresthema-Muffel" unter den GruppenleiterInnen. Der Rücklauf betrug bei den ersten 53, bei den zweiten 17. Weiters war ein Fragebogen an die zehn Diözesanstellen ausgesandt worden.

Die Evaluierung ergab eigentlich recht zufriedenstellende Zahlen: "Etwa 1.000 Behelfe werden an die GruppenleiterInnen verkauft, etwa 1 bis 2 Gruppenstunden werden daraus gemacht [...]. Letztlich ist das Jahresthema aber nicht in dem Maß präsent, aber das Angebot wird akzeptiert. Die Themen werden als brauchbar erachtet. Wert wird auf gute Bildungsarbeit und gute Unterlagen gelegt." (Protokoll des Herbst-Bundesführungskreises der KJSÖ, 6.-8. November 1998, S. 13)

Der Evaluierungsbericht zeigte auf, dass jährlich ca. 80 Veranstaltungen zum Jahresthema stattfanden, die ca. 1.500 GruppenleiterInnen erreichten. Über diözesane wie pfarrliche Kinderveranstaltungen wurden mit dem Jahresthema ca. 20.000 Kinder erreicht, das waren 17% der angenommenen Gesamtanzahl an Jungscharkindern.

Doch es waren nicht diese quantitativen Aspekte, die Zweifel am Jahresthema aufkommen ließen, sondern eine zentrale qualitative Frage: Dient das Jahresthema noch wie in der Vergangenheit der Identitätsbildung der Jungschar? Hier artikulieren die AutorInnen des Evaluierungsberichtes große Skepsis:
"Identitätswirkung: [...] Hier versagen wir zu ¾. Die MitarbeiterInnen in der überregionalen Arbeit suchen im Jahresthema keine Grundsatzauseinandersetzung zur Identitätsentwicklung, sondern sehen darin einen pragmatischen Bildungsschwerpunkt. [...] GruppenleiterInnen und Kinder sagen uns unverblümt, dass ihnen die Sache mit dem "österreichweiten gemeinsamen Thema" ziemlich egal ist [...]. Eine externe Öffentlichkeit, in der unser Image wesentlich durch die Jahresthemen geprägt ist, fällt mir - bis auf die Druckereiszene - auch nicht ein". (Abschlussbericht Selbstevaluation Jahresthema. Wien 1998)

Die Zeit, in der sich große Organisationen über gemeinsame Jahresthemen symbolisch ihrer selbst versicherten, schien vorbei zu sein. Das Konzept der Jahresthemen galt nun als Relikt aus Zeiten der ideologischen Auseinandersetzungen. Ein Blick auf der Themen der 1950er Jahre scheint dies zu bestätigen. Man könnte es auch mit einem Konzept des französischen Philosophen François Lyotard zu verstehen versuchen: Er verfasste 1979 einen Bericht unter dem Titel "Das postmoderne Wisse". Darin formulierte er den Gedanken, dass es in der Postmoderne zum "Ende der großen Erzählungen" komme - anstelle der alten großen Erzählungen, namentlich der linken, marxistische oder der rechten, kapitalistischen Erzählung treten nun neue, kleinere Erzählungen. So betrachtet lässt sich formulieren: Ein Jahresthema stellt einen Anachronismus in einer Welt nach dem Ende der großen Erzählungen dar. Es gab keine Bedarf mehr daran, innerhalb der gesamten Organisation eine gemeinsame Idee über ein gesamtes Jahr zu verkünden. Der Begriff "Jahresthema" erschien völlig überzogen für eine inhaltliche Unterlage neben anderen, die keineswegs die Arbeit während eines gesamten Jahres prägte. Die Verantwortlichen sprachen von "Überfrachtung" und gelangten bei der "Zukunftswerkstatt Jahresthema" im Juni 1998 zum Fazit:
"Das "Jahresthema" als bundesweites Instrument der Jungschararbeit und als schwerfälliger Begriff mit hoher Traditionsprägung und wenig Veränderungschancen soll "begraben" werden." (Abschlussbericht Selbstevaluation Jahresthema. Wien 1998).

Ausgehend von den Ergebnissen der Zukunftswerkstatt legte die Bundesleitung dem Bundesführungskreis folgenden Vorschlag vor: "Es soll eine Trennung des Bildungsteils (=Publikation) von identitätsstiftenden Elementen (=Aktion) erfolgen." (Protokoll des Herbst-Bundesführungskreises der KJSÖ, 6.-8. November 1998, S. 13) Die Ablösung des Jahresthemas durch eine "bundesweite, periodisch durchgeführte Aktion" sowie die "Begründung einer neuen Publikationsreihe" wurde vom Bundesführungskreis in der Folge beschlossen (vgl. Protokoll des Herbst-Bundesführungskreises der KJSÖ, 6.-8. November 1998, S. 15f.).

Die Idee der bundesweiten Aktion fand nie so recht Freunde und scheiterte bald in ihrer ursprünglichen Intention. Aus ihr gingen aber doch einige Aktionen zum Tag der Kinderrechte am 20. November hervor.

Die neue Publikationsreihe erhielt hingegen durchaus ein Gesicht und ein Profil: Unter dem Titel "be-help" erschienen von 1999 bis 2006 immerhin sechs Bände zu unterschiedlichen Themen der Kindergruppenarbeit.

Jahresthemen_1950er_Dokumentation_51.pdf (Dateigröße: 4.35 MB)