Kirche

Kirche im Ständestaat

Die Machtergreifung der Christlich-Sozialen Partei im Jahr 1934 unter Führung des Bundeskanzlers Engelbert Dollfuss bedeutete auch für die Katholische Kirche in Österreich eine weitreichende Veränderung. Grundsätzlich stand sie in einem Naheverhältnis zur nun alleine herrschenden Partei. Nicht zuletzt war einer der wichtigsten Bundeskanzler der Ersten Republik vor Ausschaltung des Parlamentes der Priester Ignaz Seipel gewesen. Aber auch die christlich-soziale Landeshauptleute Johann Nepomuk Hauser von Oberösterreich und Johann Thullner von Burgenland, waren Priester.

Bundeskanzler Engelbert Dollfuß löste 1933 nach dem Rücktritt aller drei Nationalratpräsidenten den Nationalrat auf und konnte seine Diktatur nach den Februarkämpfen 1934 festigen. Am 1. Mai 1934 wurde die autoritäre Maiverfassung erlassen. Es wurde ein "christlich-deutscher" "Ständestaat" proklamiert, bei dem die Staatsgewalt von berufständisch organisierten Kammern ausgehen sollte, die Parlament und Parteien ersetzen sollten.

In der politischen Wirklichkeit war diese Staatsordnung ein Torso und diente hauptsächlich dazu, den autoritären Charakter des Regimes zu verbrämen. Von den vorgesehenen sieben Kammern wurden mit der Landwirtschaftskammer und der Kammer für den Öffentlichen Dienst nur zwei tatsächlich eingerichtet. Die wirkliche Macht wurde von der Vaterländischen Front ausgeübt. Dem Regime standen sowohl Sozialdemokraten als auch Nationalsozialisten feindlich gegenüber, so dass es von Anfang an eine schmale Basis hatte. Nach Dollfuß' Ermordung im Juli 1934 im Zuge eines nationalsozialistischen Putschversuchs wurde Kurt Schuschnigg Bundeskanzler und damit Führer des Ständestaates, bis er 1938 unter dem militärischen Druck der deutschen Wehrmacht seinen Rücktritt erklärte. (http://de.wikipedia.org/wiki/St%C3%A4ndestaat)

In der Einrichtung des Ständestaates ab 1934 orientierte sich die Dollfuß-Regierung an der Enzyklika Quadragisimo Anno (1931) von Papst Pius XI, in dem die Naturstände als gottgewollte Gliederung der Gesellschaft dargestellt wurden: Die einzelnen Stände und Berufsgruppen sollten über Standesvertretungen an der Regierung teilhaben, daher die Bezeichnung Ständestaat. Folgerichtig wurden alle Parteien, auch die Christlich-Soziale aufgelöst und durch die Vaterländische Front ersetzt, in der diese Berufsstände vertreten sein sollten. Soweit die politische Ideologie. De facto war der Ständestaat ein autoritär regierter Staat, der nicht-christlich-sozialen PolitikerInnen die Teilhabe am politischen Geschehen verbot, wenn sie diese nicht ohnehin in das Anhaltelager Wöllersdorf sperrte oder ins Exil vertrieb. Nicht zuletzt stellte die Heimwehr, eine paramilitärische Organisation im Naheverhältnis zur Christlich-Sozialen Partei, eine wesentliche Machtstütze des Systems dar.

Die katholische Kirche besaß eine privilegierte Stellung in diesem politischen System und konnte die Berücksichtigung ihrer Interessen relativ gut sicherstellen. Wesentliche Positionen waren von Mitgliedern des, katholischen, Österreichischen Cartell Verbandes – ÖCV besetzt. Der Anteil von ÖCVern in verschiedenen Gremien des austrofaschistischen Staates war enorm hoch. Im Bundesrat lag er bei 90 Prozent. Mit Otto Kemptner wurde ein ÖCV-Bundesbruder von Engelbert Dollfuß mit dem Aufbau der Vaterländischen Front beauftragt. Für Mitglieder des ÖCV bestand ab 1933 Beitrittspflicht. Bundeskanzler Engelbert Dollfuß sorgte dafür, dass junge Akademiker, die dem ÖCV angehörten, schnell zu Spitzenpositionen in Politik und Verwaltung vordringen konnten. Im Gegenzug wurde dem Regierungschef ein Mitspracherecht bei der Besetzung von Ämtern innerhalb des ÖCV eingeräumt. (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96sterreichischer_Cartellverband#St.C3.A4ndestaat; 23.7.2007)

Dennoch war das Verhältnis zwischen Katholischer Kirche und dem österreichischen Ständestaat keinesfalls friktionsfrei. Eine eigene Kontaktgruppe zwischen Regierung und Bischofskonferenz wurde eingerichtet, um anstehende Fragen zu klären.
Der Wiener Kardinal Innitzer begrüßte die Ausschaltung des Parlaments am 12. März 1933 als „Anbruch einer neuen Zeit“, die er mit dem Zeitalter der Gegenreformation verglich. Am 10. Mai 1933 unterzeichnete Justizminister Kurt Schuschnigg das Konkordat, am 16. August erschwerte die Regierung den Austritt aus der katholischen Kirche. Von nun an mussten alle Menschen, die gewillt waren, der katholischen Kirche den Rücken zu kehren, eine Prüfung ihres Geistes- und Gemütszustandes über sich ergehen lassen. Die für den Austritt zuständigen Bezirkshauptmannschaften konnten dieses Verfahren beliebig lange hinausziehen.
Nicht zuletzt deshalb bekam das austrofaschistische Regime auch aus dem Vatikan offizielle Unterstützung. Papst Pius XI. erteilte bereits am 28. Oktober 1933 seinen Segen den „vornehmen Männern, die Österreich in dieser Zeit, in diesen Tagen regieren, die Österreich so gut, so entschieden, so christlich regieren“ und sogar noch während der Februarkämpfe 1934 erhielt Dollfuß den apostolischen Segen des Papstes.

Dollfuß selbst war stark an einer katholischen Renaissance interessiert. Schon während der Trabrennplatzrede am 11. September 1933 kündigte er einen „sozialen, christlichen deutschen Staat Österreich auf ständischer Grundlage, unter starker autoritärer Führung“ als seine Zielvorstellung an. Aber auch auf Seiten der Kirche war das Interesse an einem klerikal-faschistischen Österreich beträchtlich. So beteiligten sich kirchliche Würdenträger in Ebensee und Steyr an der Säuberung von Arbeiterbüchereien. In Steyr wurden die Bestände von 4000 auf 900 Bücher reduziert, von denen weitere 200 gesperrt wurden. Betroffen waren, neben explizit linker Literatur, auch Schriften jüdischer Autorinnen und Autoren. In kirchlichen Berichten zu diesen Ereignissen heißt es: “Vier Kisten mit Büchern wurden der Polizei zum Vernichten übergeben. Es handelte sich um die rein sozialistischen, erotischen und glaubensfeindliche Bücher. Die ärgsten erotischen und kirchenfeindlichen Bücher wurden in zerrissenem Zustand der Polizei übergeben“. (http://de.wikipedia.org/wiki/Austrofaschismus#Kirche)

Die Bischöfe waren noch in den Jahren der Monarchie aufgewachsen und hatten eine Tendenz zum Autoritarismus. Die Dollfuß- und Schuschnigg-Diktatur erschien ihnen als „Heiliges Experiment“, in dem ein katholischer Idealstaat errichtet wurde. „Innitzer und der Episkopat trugen den klerikalen Ständestaat bereitwillig mit. Sie hatten sich nie mit dem Parlamentarismus identifiziert. [...] Der Nationalsozialismus war ihnen unsympathisch. Doch die Sozialisten fürchtete sie noch mehr als die Nazis. Die Sozialisten blieben der erste Feind der Menschheit.“ (Helmut Butterweck, Österreichs Kardinäle. Wien: Ueberreuter 2000. S. 144f.)

Einer der wenigen wesentlichen Friktionspunkte zwischen Kirche und Ständestaat war der Zugriff auf die Jugend. Wie jedes andere totalitäre System beanspruchte auch der Ständestaat, dass alle Jugendlichen im Rahmen der Staatsjugend organisiert werden sollten. Die Katholische Kirche hingegen wollte ihre Jugendorganisationen weiter bestehen sehen, und unter möglichst wirksame Leitung der kirchlichen Hierarchie stellen. Hier konnten sich die Bischöfe durchsetzen und somit eine einheitliche Staatsjugend verhindern.

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