Kindheit & Jugend

Geschichte der Jungschar ist auch Geschichte der Kindheit wie auch Geschichte der Jugend. Jungschargeschichte wird nur verständlich werden, wenn man sich mit dem tiefgreifenden Wandel der Jugendkultur zwischen 1947 und heute auseinandersetzt. Kindheit ist ebenso einem historisch-kulturellen Wandel unterworfen wie Jugendkultur; und doch entwickeln sich die beiden durchaus unabhängig voneinander, wenn auch die Zusammenhänge offensichtlich sind. Kindheit ist aber stärker als die Jugendphase den Einflüssen des Elternhauses ausgesetzt und wird gesellschaftlich stärker als Schonphase interpretiert (was sie oft gar nicht ist) als dies für Jugend der Fall ist. Eine Kinder- und Jugendorganisation wie die Katholische Jungschar, in der Kinder Gruppen besuchen, die von Jugendlichen geleitet werden, ist eine seltene Schnittstelle zwischen Kinderkultur und Jugendkultur, wie sie in kaum einem anderen sozialen Raum geboten wird.

Grundsätzliches zur Geschichte von Kindheit

Die historische Kindheitsforschung ist eine nicht sehr alte wissenschaftliche Tradition; 1960 publizierte der fanzösische Historiker Philippe Aries seine „Geschichte der Kindheit“ und begründete damit eine eigene historische Forschungsrichtung, die Kindheit als eigenständige Lebensphase verstand und als forschungswürdig betrachtete. Das Neue an dieser Sichtweise wird deutlich, wenn man sich die konventionelle Anschauung vor Augen hält, die im Alltagsverstand immer noch anzutreffen ist: Kindheit wird dort als ein natürlicher, biologisch zu begreifender Zustand verstanden, der in allen Kulturen, Epochen und sozialen Schichten annähernd gleich verlaufe.

Philippe Ariès entdeckte, was viele HistorikerInnen nach ihm bestätigten: Kindheit unterliegt wie andere Aspekte des Menschseins auch einem historischen Wandel. Zusätzlich ist hinzuzufügen, dass Kindheit je nach Region, sozialer Schicht und Geschlecht sehr unterschiedlich aussehen kann.

altständische Jugendkultur

Als Kontrast und Vorläufer jener spezifischen Form von Kindheit, die junge Menschen erleben, die mit der Jungschar ab 1947 in Berührung kamen, soll hier auf die altständische Jugendkultur eingegangen werden. Als altständische Gesellschaft wird jene Gesellschaft bezeichnet, die vor der umfassenden Modernisierung existierte. In städtischen Gebieten kann bis ins frühe 19. Jahrhundert von einer solchen Ordnung gesprochen werden, im ländlichen Bereich je nach Abgeschiedenheit etwas länger.

Die Menschen fanden sich in Ständen eingeteilt, bei denen die Unterscheidung zwischen Adel, Klerus, Bauern und Bürgerstand nur die gröbste Unterteilung war. Geschlechterrollen wie die sozialen Erwartungen an Angehörige eines bestimmten Standes waren mehr oder minder klar festgelegt; der berufliche Weg sowie die PartnerInnenwahl unterlagen einer gewissen Vorhersehbarkeit. Abweichungen gab es dennoch immer wieder, fielen aber als Ausnahmen von der Regel auf. Lebensentwürfe wurden nicht individuell verfasst, sondern erfolgten aus einer bekannten sozialen Logik heraus.

Es scheint damit, dass Jugendliche wenig Möglichkeiten hatten, ihr Leben eigenständig zu gestalten und als seien sie stets dem kontrollierenden Blick der Erwachsenenwelt ausgesetzt gewesen. Dies wäre aber ein unvollständiges Bild. Die altständische Gesellschaft bot Jugendlichen immer wieder Freiräume, in denen unabhängig von der Erwachsenenwelt eigene Strukturen entwickelt und Rituale vollzogen wurden. Man kann hier durchaus von autonomen Räumen von und für Jugendliche sprechen. Insbesondere rund um die Gestaltung von Volksfesten oder im Rahmen von traditionellen Bräuchen wie etwa dem Fasching waren es autonomen Jugendgruppen, die zum Teil diese Feiern ausrichteten, zum Teil aber durch Verkleidung, Streiche, Lärmschlagen, Schabernack und sonstigen „Unfug“ Formen der Unordnung einbrachten, um die herrschende Ordnung auf den Kopf zu stellen. Zum Teil werden diese Bräuche von HistorikerInnen als Widerstand gegen die gesellschaftliche Modernisierung interpretiert. Freilich hatten hier männliche Jugendliche mehr Freiheiten und Eigenverantwortung als weibliche, die eher im Haus behalten wurden und dort stärker der Kontrolle der Erwachsenen ausgesetzt waren.

Für eine Geschichte der Jugendorganisationen ist daraus folgender Punkt wesentlich: Jugendliche – und in Ableitung auch Kinder – haben nicht erst mit der Einrichtung von formellen Jugendorganisationen in Gruppen zueinander gefunden. Die autonome Jugendgruppe ist ebenso wie die autonome Kinderbande wesentlich älter als alle Kongregationen und Verbände, die vor allem ab dem 19. Jahrhundert eingerichtet wurden, um Jugendliche „zu Menschen zu bilden“ oder „von der Straße wegzubringen“. Der Begriff "Jugendpflege" bringt zum Ausdruck, dass es hier darum ging, junge Menschen wie eine Art ungepflegten Garten, wilde Natur zu domestizieren, zu dressieren, eben zu pflegen und damit besser an gesellschaftliche Bedürfnisse und Verwertungsabsichten anzupassen.

Organisationen wie die Katholische Jugend oder die Katholische Jungschar stehen zwischen diesen Formen der autonomen Kinder- und Jugendgruppen und den von Erwachsenen für Kinder und Jugendliche aufgebauten Strukturen der Jugendpflege. Das Element der Autonomie finden sich in den beiden Organisationen, weil das Prinzip der Selbstführung realisiert wird und Aktivitäten in der Regel ohne erwachsene Aufsicht erfolgen; das Element der Jugendpflege aber findet sich darin, dass eine Abhängigkeit von kirchlichen Autoritäten und öffentlichen Geldgebern gegeben ist und einschränkend wirkt.

Literatur: Michael Mitterauer: Sozialgeschichte der Jugend. Frankfurt/M. 1986.

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