Kontexte

Diese Rubrik geht auf die Welt außerhalb der KJSÖ ein. Dahinter steht die Annahme, dass sich die Jungschar ihre Geschichte nicht selbst gemacht, sondern wesentlich auf kirchliche und gesellschaftliche Trends reagiert hat. Die einzelnen Abschnitte werden in kurzen Texten beschrieben, Bezüge zu den Entwuicklngen in den anderen Bereichen (Kirche, Gesellschaft sowie Kinder & Jugend) so weit möglich hergestellt.

Jungschargeschichte als Kirchengeschichte

Das Wohl und Wehe der Jungschar hängt an jenem der römisch-katholischen Kirche in Österreich generell. Nicht jede Kirchenkrise wirkt unmittelbar auf die Jungschar ein, gleichzeitig kann sich die Kinderorganisation der Kirche nicht jenen gesellschaftlichen Prozessen entziehen, die zu einer Veränderung der Rolle der Kirche in der Gesellschaft führen. Säkularisierung zählt als Metaprozess hier ebenso dazu wie die bewegten Jahre der Katholischen Kirche in den Jahren nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1962 bis 1965 oder rund um die "Affäre Groër" 1995 bis 1998.
Näheres zur „Affäre Groër“ findet sich hier: http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/1998/0303/politik/0051/index.html.

Die wechselhafte Selbstidentifikation der Jungschar im Hinblick auf die eigenen Kirchlichkeit kann über die Jahrzehnte hinweg in schlüssiger Weise in Relation zur jeweiligen Kir­chenentwicklung bzw. zum Selbstbild der Kirche gestellt werden. Erich Lehner hat diese wechseln­den Selbstimagines in seinem Buch "Vom Bollwerk zur Brücke" anhand der Geschichte der Katholischen Aktion dargestellt (vgl. Erich Lehner: Vom Bollwerk zur Brücke. Katholische Aktion in Österreich. Thaur/Tirol 1992). Die Kirche verstand sich zunehmend als mobiler und weniger hierarchisch. Gerade das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) hatte entscheidend dazu beigetragen, frischen Wind in die Kirche zu bekommen und sich auch geistig für neue Ideen aus den Humanwissenschaften zu öffnen.

Im Rahmen dieser grundlegenden Veränderung des Kirchenbildes wandelte sich die Jungschar von der Vorfeldorganisation der Katholischen Jugend zu einer autonomen Bewegung, die Kindern und Gruppenleiter/innen innerhalb eines spezifischen Rahmens Raum zu geben verstand. Die Jungschar wurde - sehr überspitzt formuliert - von der Durchschleusestation auf dem Weg des rechten Christenmenschen zur Heimat mit Eigenwert. Junge Menschen sollten dort auf ihre "personale Glaubensentscheidung" vorbereitet werden, wie dies das Statut von 1970 als Ziel formulierte.

In diesem Zusammenhang ist von Interesse, das Verhältnis zwischen Jungschar und der Kirchenleitung zu betrachten. In den ersten Jahren gab es eine weitgehende Übereinstimmung von Jugend und Jungschar mit der hierarchischen Leitung, die in großen Bekenntnisstagen ihren Ausdruck fand. Kritische Distanz zu den Bischöfen erschien den jungen AktivistInnen von damals nicht nötig, hatte man doch gerade erst die schwierige Zeit des Nationalsozialismus überstanden. Freilich gab es auch damals Kritik an einzelnen Bischöfen, da ja nicht alle die Idee der Jungschar und Jugend so uneingeschränkt unterstüzten wie etwa Kardinal Innitzer.

Das Zweite Vatikanische Konzil wirkte in eine Zeit, in der ein gewisser Entfremdungsprozess zu bemerken war. Sicherlich war ein Teil der nun skeptischeren Distanz zu bischöflichen Sichtweisen durch die Ideen der 1968er Bewegung inspiriert. Lange hindurch blieb die Vertrauensbasis zu den Bischöfen dennoch sehr gut, insbesondere jene zu Kardinal König. Mit Beginn der Ära Groër wurde dieses Vertrauen aber mehrfach auf die Probe gestellt.

Mit zunehmender Distanz von der kirchlichen Hierarchie und abnehmender Identifikation mit einzelnen Aussagen der Katholischen Kirche verringerte sich aber auch das Vertrauen einiger Bischöfe, tlws. auch mancher Priester in die Jungschar.

Jungschargeschichte als österreichische Geschichte

Zuletzt sei auf eine zumeist vernachlässigte Rahmenbedingung der Jungscharentwicklung verwiesen: der nationale und (partei-)politische Rahmen. Traditionell wurde die Jungschar dem "schwarzen" Lager zugeordnet. Die Bezeichnung ergab sich aus der recht häufigen Übernahme politischer Ämter durch Priester in der Zwischenkriegszeit im Rahmen der christlich-sozialen Partei, heute ÖVP. Als "schwarze" Bewegung wird die Jungschar daher in einen Gegensatz zu den "roten", den sozialistischen, Bewegungen eingeordnet, ob sie das will oder nicht. Die Lagergrenzen bestimmten im Österreich der Zweiten Republik lange Zeit hindurch stärker die Identität der Einzelperson als etwa die Zugehörigkeit zur Österreichischen Nation (vgl. Ernst Bruckmüller, Nation Österreich. Kulturelles Bewusstsein und gesellschaftlich-politische Prozesse. Wien-Köln-Graz 1996). Auch wenn sich die Jungschar schon seit längerem nicht mehr dem schwarzen Lager zugeteilt wissen will, lösen sich erst seit wenigen Jahren diese Grenzen allmählich auf. Die Jungschar bot über Jahrzehnte hinweg einer großen Zahl an Personen eine konkrete, emotional erfahrbare "Heimat" im schwarzen Lager und hatte insofern Teil an dieser spezifisch österreichischen Form der Identitätsfindung über die Struktur der Lagergrenzen.

Eine zweite, nicht weniger entscheidende diskursive Trennlinie bilden die Bundesländeridentitäten. Dieser Zugehörigkeit wird vor allem außerhalb Wiens weiterhin mehr Gewicht zugesprochen als der nationalen Identität. Die Wiener Diözesanleitung hatte wiederholt mit den dementsprechenden Vorurteilen zu kämpfen. Wenn die Katholische Jungschar Österreichs in ihre neun oder zehn Diözesen wiederholt regelrecht zu zerfallen drohte und sich jedenfalls Konfliktlinien i.d.R. an Diözesangrenzen festmachen lassen, dann ist dies als ein Hinweis auf die in Österreich bewusstseinsbestimmende Funktion dieser Identitätsprozesse zu werten. Die KSJÖ erleidet hier nichts anderes, als ein Spiegel für die Zerklüftung der innerösterreichischen Identität zu sein.

Es bleibt abzuwarten, inwiefern Jungschargeschichte künftig auch Geschichte der Europäischen Union sein wird. Mit der Dreikönigsaktion hat die Jungschar jedenfalls Anteil an Aspekten der Globalisierung, in ihren Kreisen hat sie die Vorstellung von der Überbrückbarkeit kultureller Grenzen kommuniziert.