1970er – Das Jahrzehnt des Dynamic

Die Jahre um 1970 stellen eine Wasserscheide der Jungschargeschichte dar. Die Geschichte der Katholischen Kirche wie auch die Jugendgeschichte erfuhr hier entscheidende Weichenstellungen: 1962-65 fand das Zweite Vatikanische Konzil statt; 1968 am es europaweit zu Protesten und aktionistischen Interventionen. Beide standen vor dem Hintergrund eines neuen Denkens und beeinflussten nachhaltig die pädagogische wie die pastorale Theorie und Praxis, damit auch die Jungschar.

Die 1970er Jahre waren eine Zeit der Dynamisierung der Jungschar. Nicht zufällig gab die Jungschar ihrer Zeitschrift für FührerInnen den Titel „Dynamic“. Das Blatt folgten Publikationen, die nicht minder programmatische Titel hatte: „Erziehung geht alle an!“ und schlicht: „Jungschar“ (beide 1967 bis 1970).

Dieses Jahrzehnt erlebt eine umfassende Demokratisierung der Gesellschaft: In der katholischen Kirche wie auf der Universität werden neue Gremien geschaffen, die eine breite Beteiligung an Entscheidungen ermöglichen. Freilich, auch vor 1970 wurde in der Jungschar nach demokratischen Regeln gearbeitet. Es gab viele Gremien und Abstimmungen. Die Jungschar war eben keine militärisch-zentralistische Organisation. Aber die sozialen Aufbrüche, die die 1968er Bewegung brachte, schüttelten auch die Jungschar gehörig durcheinander. Insbesondere das Zweite Vatikanische Konzil stand hier als Pate einer umfassenden Demokratisierung, oder, wie treffender gesagt werden könnte: einer Radikalisierung der Demokratie in einer bereits formal demokratischen Organisation. Das hatte auch mit einer Auflehnung der neuen Generation gegen die Altvorderen zu tun, deren als paternalistisch und bieder erlebten Stil man zu überwinden trachtete.

Sichtbar wurde der neue Stil zum einen daran, dass 1970 Mädel- und Buben-Jungschar mit dem neuen Statut nun zu einer Organisation wurden. Zum anderen aber verabschiedete man sich 1973 vom alten Symbol – dem Kreuz mit Krone – und wählte das egalitäre Zeichen des Kreises, in dessen Mitte ein Kreuz stand, allerdings eines, das über den Kreis hinausreichte. Die Jungschar wollte missionarisch sein und bleiben: Christus ist unsere Mitte, aber er wirkt – durch uns – über uns hinaus.

Inhaltlich schien kein Stein auf dem anderen zu bleiben. Gruppendynamik und Kommunikation wurden Teil einer jeden Ausbildung; die Begriffe „Führer“ und „Führerin“ wurden allmählich durch den/die „Gruppenleiter/in“ ersetzt. Von „Reinlichkeitserziehung“ war nicht mehr länger die Rede; im Gegenteil galt es nun, dass Kinder möglichst selbstbewusst ihren Weg finden. Anstelle von Glaubensunterweisung trat die Vorbereitung hin zu einer „personalen Glaubensentscheidung“, wie es das neue Statut von 1970 formulierte.

In diesen Jahren beginnt die Jungschar sich vermehrt politisch zu betätigen. 1979 fand eine Enquete unter dem Titel „Kind – Christen – Staatsbürger“ statt. In acht Arbeitskreisen wurden dabei Fragestellungen wie ganztägige Schulformen, Kind und Selbstmord, Kinder in Heimen, die Situation mehrfach behinderter Kinder oder Kinder im Verkehr aufgegriffen. Die politische Dimension der Jungschararbeit fand aber auch Eingang in den Bildungs- und Erziehungszielen von 1975. Der sozial-politische Bereich wurde ein eigener Kernbereich der Zielsetzungen der Jungschar. Große symbolische Bedeutung kam den österreichweiten Großveranstaltungen zu. Die Mädchen trafen einander auf der „Palette“, bei der, wie der Name schon vermuten lässt, das Kreative im Mittelpunkt stand. Die Buben trafen einander zunächst auf „Bubenolympiaden“, die ab 1982 zu einer kooperativ-kreativen Woche umgestaltet wurde, dem „Bundeslager“...